Chance-Risiko-Verhältnis (CRV): Formel und Break-even-Trefferquote

Das Chance-Risiko-Verhältnis erklärt: CRV berechnen für Long und Short, Break-even-Trefferquote je CRV – und warum ein hohes CRV allein nichts beweist.

RisikomanagementSnapPulse TeamVeröffentlicht 6 Min. Lesezeit

Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV, englisch R:R) vergleicht, was ein Trade am Ziel gewinnen kann, mit dem, was er am Stop verliert: CRV = (Ziel − Einstieg) ÷ (Einstieg − Stop). Ein Trade mit 2:1 riskiert 100 €, um 200 € zu verdienen. Die Break-even-Trefferquote beträgt 1 ÷ (1 + CRV) – bei 2:1 musst du also vor Kosten rund 33 % deiner Trades gewinnen.

Diese Formel ist schon das ganze Werkzeug. Gut einsetzen heißt: Sie mit einer realistischen Trefferquote, einem ehrlichen Stop und einem Ziel kombinieren, das der Chart tatsächlich hergibt.

Das Chance-Risiko-Verhältnis berechnen

Für einen Long-Trade

  1. Risiko = Einstieg − Stop
  2. Chance = Ziel − Einstieg
  3. CRV = Chance ÷ Risiko

Beispiel: Du kaufst eine Aktie bei 50 €, Stop bei 48 €, Ziel bei 56 €. Risiko = 2 €, Chance = 6 €, CRV = 3:1.

Für einen Short-Trade

Die Vorzeichen drehen sich: Risiko = Stop − Einstieg, Chance = Einstieg − Ziel.

Beispiel: Short GBP/USD bei 1,2700, Stop 1,2740, Ziel 1,2620. Risiko = 40 Pips, Chance = 80 Pips, CRV = 2:1.

Der CRV-Rechner rechnet beide Richtungen und zeigt dir die Break-even-Trefferquote.

Die Tabelle der Break-even-Trefferquoten

Kostet jeder Verlierer 1R und bringt jeder Gewinner CRV × R, bist du bei null, wenn gilt:

Trefferquote × CRV = (1 − Trefferquote) × 1 → Trefferquote = 1 ÷ (1 + CRV)

CRV Break-even-Trefferquote Nötige Gewinner von 10
0,5:1 66,7 % 7
1:1 50,0 % 5
1,5:1 40,0 % 4
2:1 33,3 % 4 (3,33)
2,5:1 28,6 % 3 (2,86)
3:1 25,0 % 3 (2,5)
4:1 20,0 % 2
5:1 16,7 % 2 (1,67)

„Nötige Gewinner von 10“ ist aufgerundet – die kleinste ganze Zahl an Gewinnern, mit der du über zehn Trades kein Geld verlierst (5 Gewinner bei 1:1 sind exakt plus/minus null).

Erwartungswert: die Zahl, die wirklich zählt

Das CRV allein sagt nichts über die Profitabilität. Kombiniere es mit der Trefferquote:

Erwartungswert (in R) = Trefferquote × CRV − (1 − Trefferquote) × 1

Trefferquote CRV Erwartungswert pro Trade
60 % 1:1 +0,20R
40 % 2:1 +0,20R
30 % 3:1 +0,20R
25 % 3:1 0,00R
35 % 1,5:1 −0,13R

Drei völlig unterschiedliche Trader können denselben Erwartungswert haben. Bei 100 € Risiko pro Trade bedeutet +0,20R im Schnitt +20 € pro Trade – über viele Trades gerechnet, nicht bei jedem einzelnen.

Die letzte Zeile ist die Falle: Ein CRV von 1,5:1 wirkt solide, verliert bei 35 % Trefferquote aber Geld.

Trefferquote vs. CRV: der Zielkonflikt je nach Stil

Trefferquote und CRV ziehen in entgegengesetzte Richtungen. Weitere Ziele werden seltener erreicht, nähere Ziele öfter, zahlen aber weniger. Verschiedene Trading-Stile landen typischerweise in verschiedenen Zonen:

Stil Typisches CRV Typisch nötige Trefferquote Charakter
Mean Reversion / Range-Trading 0,8–1,5 45–55 % Häufige kleine Gewinne, Verluste tun weh
Swing-Trading entlang der Struktur 1,5–3 30–45 % Ausgewogen
Trendfolge / Ausbrüche 3–10 15–35 % Lange Verlustserien, seltene große Gewinne

Keiner davon ist besser. Die Frage ist, welchen du konsequent umsetzen kannst – und welchen dein Temperament aushält. Ein Trendfolger mit 25 % Trefferquote erlebt regelmäßig acht oder zehn Verluste in Folge. Würdest du die Methode dann über Bord werfen, ist der Stil mit hohem CRV der falsche für dich, so gut er auf dem Papier aussieht.

Ergebnisse in R erfassen

Wenn du Ergebnisse in R ausdrückst (Vielfache des riskierten Betrags), nimmst du die Positionsgröße aus der Gleichung und kannst Trades ehrlich vergleichen.

Beispiel: zehn Trades mit je 1R Risiko.

Trade Ergebnis
1–3 −1R, −1R, +2,1R
4–6 −1R, +1,8R, −1R
7–10 −0,4R (früher Ausstieg), +3,4R, −1R, −1R

Summe: +0,9R über zehn Trades; Trefferquote 30 %; durchschnittlicher Gewinner 2,43R; durchschnittlicher Verlierer 0,91R. Bei 100 € pro R sind das +90 € – aber erst die R-Werte zeigen dir, ob die Methode trägt, wenn dein Konto wächst oder schrumpft. Zehn Trades beweisen statistisch nichts – zähl weiter. Wie du das organisierst, zeigt der Leitfaden zum Trading-Journal.

Warum ein hohes CRV eine Illusion sein kann

Ein Ziel mit 10:1 kann jeder eintippen. Die Frage ist, ob der Kurs wahrscheinlich dort ankommt, bevor er den Stop trifft.

  1. Ziele hinter einem starken Widerstand. Liegt zwischen Einstieg und Ziel ein Niveau, an dem der Kurs schon dreimal abgeprallt ist, ist dein reales CRV der Abstand bis zu diesem Niveau, nicht bis zum Ziel.
  2. Stops im Rauschen. Ein Stop mit 0,3 ATR Abstand lässt das Verhältnis riesig aussehen und wird ständig ausgelöst. Die Trefferquote bricht ein und der Erwartungswert mit ihr. Siehe ATR erklärt.
  3. Kosten ignorieren. Spread, Gebühren und Slippage treffen beide Seiten.

Kosten verschieben den Break-even

Du riskierst 100 € für ein Ziel von 200 € (2:1), bei 10 € Kosten für Ein- und Ausstieg. Ein Gewinner bringt netto 190 €, ein Verlierer kostet 110 €. Effektives CRV = 190 ÷ 110 ≈ 1,73, der Break-even liegt also bei 1 ÷ 2,73 ≈ 36,7 %, nicht bei 33,3 %. Bei engen Stops und kurzen Zeiteinheiten können die Kosten einen großen Teil deines Vorteils auffressen.

Ziele setzen, die der Chart hergibt

Ein Ziel sollte aus der Struktur kommen, nicht aus einem Verhältnis, das du gern hättest.

  • Nächstes gegenläufiges Niveau: der nächste Widerstand bei einem Long, die nächste Unterstützung bei einem Short. Siehe Unterstützung und Widerstand.
  • Kursziel aus der Formation (Measured Move): die Höhe einer Formation, vom Ausbruch aus projiziert. Ein aufsteigendes Dreieck mit 8 Punkten Höhe und Ausbruch bei 100 € projiziert auf 108 €; eine Bullenflagge projiziert die Länge des Fahnenmasts.
  • Fibonacci-Extensionen: 1,272 und 1,618 des vorherigen Swings, eine gängige Referenz. Der Fibonacci-Rechner liefert die Niveaus.

Dann berechnest du das CRV aus dem ehrlichen Ziel. Liegt es unter dem, was deine Trefferquote verlangt, ist der richtige Schritt oft, den Trade auszulassen – nicht, das Ziel zu strecken.

Teilverkäufe und Trailing-Stops

Viele Trader nehmen bei 1R oder am ersten Niveau einen Teil der Position heraus und ziehen für den Rest den Stop nach. Das verändert die Rechnung: Das gemischte CRV sinkt, die Trefferquote steigt aber meist. Beispiel: die Hälfte bei 1R raus, die andere Hälfte bei 3R ergibt einen durchschnittlichen Gewinner von 2R. Ob das hilft, hängt von deinen Daten ab – halte es in deinem Journal fest.

Rechenbeispiel: Ergibt dieser Trade Sinn?

Ein 4-Stunden-Chart von SOL zeigt einen fallenden Keil mit möglichem Ausbruch.

  • Einstieg: 150 $
  • Stop: 144 $ (unter dem letzten Tief des Keils) → Risiko 6 $
  • Erster Widerstand: 162 $ → Chance 12 $
  • CRV: 2:1, Break-even 33,3 %

Laut deinem Journal waren Keil-Ausbrüche in deinem Trading zu etwa 45 % erfolgreich, bei durchschnittlichen Kosten von 0,1R. Erwartungswert ≈ 0,45 × 2 − 0,55 × 1 − 0,1 = +0,25R. Auf dem Papier positiv, mit Sicherheitspuffer über dem Break-even.

Jetzt die Größe: Ein Konto mit 10.000 $ und 1 % Risiko = 100 $ → 100 $ ÷ 6 $ ≈ 16,6 SOL. (Siehe den Leitfaden zur Positionsgröße.)

Hätte der erste Widerstand stattdessen bei 153 $ gelegen, wäre das CRV 0,5:1 gewesen und hätte 66,7 % Trefferquote verlangt – also auslassen.

Häufige CRV-Fehler

  1. Das CRV aus dem erhofften Einstieg berechnen, nicht aus dem tatsächlichen. Slippage beim Einstieg verkleinert die Chance und vergrößert das Risiko.
  2. Das Ziel mitten im Trade weiter wegschieben, um ihn „laufen zu lassen“, ohne feste Regel. Damit änderst du genau das Setup, das du gemessen hast.
  3. CRVs über Zeiteinheiten hinweg vergleichen. Ein 3:1-Trade im 5-Minuten-Chart und ein 3:1-Trade im Tageschart haben völlig unterschiedliche Kosten und Trefferquoten.
  4. Vergessen, dass der Stop das R definiert. Weitest du den Stop aus, wird dasselbe Ziel zu einem schlechteren Verhältnis – und zu einer kleineren Position.

Das CRV in einem Scan

Wenn SnapPulse einen Chart liest, liefert es eine Einstiegszone, ein Invalidierungsniveau, ein Ziel und das daraus folgende Chance-Risiko-Verhältnis, dazu einen Risiko-Score von 1 bis 10. Behandle dieses Verhältnis genau wie dein eigenes: Prüfe, ob ein Niveau zwischen Einstieg und Ziel liegt und ob der Stop außerhalb der normalen Volatilität sitzt. Die Falsifikations-Trigger der Steelman-Karte zeigen dir schnell, was dieses Ziel unrealistisch machen würde.

Das Wichtigste in Kürze

  1. CRV = Chance ÷ Risiko; Break-even-Trefferquote = 1 ÷ (1 + CRV).
  2. Ein Verhältnis bedeutet nichts ohne realistische Trefferquote. Der Erwartungswert ist der eigentliche Test.
  3. Ziele kommen aus der Struktur; Stops kommen aus der Invalidierung, mit Puffer für die Volatilität.
  4. Kosten heben den Break-even an, besonders bei engen Stops.
  5. Führe Buch. Deine eigene Trefferquote pro Setup ist die Zahl, die dir kein Artikel liefern kann.

Bildungsinhalt – keine Anlageberatung.

Häufige Fragen

Was ist ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis?

Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht. Viele Swing-Trader suchen 2:1 oder besser, aber ein CRV ist nur gut im Verhältnis zur realistischen Trefferquote des Setups.

Wie berechnet man die Break-even-Trefferquote aus dem CRV?

Break-even-Trefferquote = 1 ÷ (1 + CRV). Bei 2:1 sind das 1 ÷ 3 ≈ 33,3 %, bei 3:1 genau 25 %. Gebühren und Slippage treiben den echten Wert nach oben.

Ist ein CRV von 1:1 schlecht?

Nicht unbedingt. Bei 1:1 musst du nach Kosten mehr als die Hälfte deiner Trades gewinnen. Manche Setups mit hoher Wahrscheinlichkeit schaffen das, die meisten diskretionären Trader nicht.

Was bedeutet 1R beim Trading?

1R ist der Betrag, den du bei einem Trade riskierst – der Verlust, wenn der Stop greift. Ergebnisse in R machen Trades unterschiedlicher Größe vergleichbar.

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